Mond

Immer und ewig



Autor: ich, Tina, Eo, wie auch immer man mich kennt
Warning: melancholisch
Teile: 4
  • 1617 - Der Nachtvogel
  • 1730 - Jagd
  • 1813 - Aus Liebe
  • 1901 - Zeit

  • Disclaimer:
    meine Hauptperson gehört Roman Polanski, auch wenn ich ihn hier nicht bei seinem Namen nenne. Die Inspiration für diese Handlung kam aber erst mit dem Text von Michael Kunze zu "Die unstillbare Gier" (Musik: Jim Steinmann), wovon in Kapitel 2 ein sehr kurzer Ausschnitt zitiert wird. Die Handlung von Polanskis "Tanz der Vampire" spielt aber nur eine untergeordnete Rolle. Ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld und schreibe sie nur zum "Spaß".
    Zusammenfassung:
    Diejenigen, die das oben genannte Lied kennen, dürften nun schon viel erahnen: Wie erlebt man Jahrhunderte, in denen sich die Welt verändert, man selbst jedoch außerstande ist sich zu ändern, weil man für immer und ewig von etwas stärkerem als Zeit angetrieben wird.
    AN:
    Ein riesengroßes Dankeschön an Edi für's Beta-Lesen und ein ganz besonderes Danke an Aesi für's Formatieren und noch mal Korrektur lesen.



    1617 - Der Nachtvogel

    Es dämmerte, als ich zu ihr kam. Ihre großen, dunklen Augen sahen mich erwartungsvoll an, sehnsüchtig, als träume sie nur. Mir selbst kam dieser Augenblick unwirklich vor. Doch die Freude und das Verlangen, die in ihren Augen blitzten, waren echt. Sie gaben mir die Gewissheit, dass sie mich liebte. Sie fühlte sich mit aller Macht zu mir hingezogen, ganz gleich, was die Vernunft ihr sagen mochte. Es mochten noch so große Hindernisse im Weg liegen - ohne Vernunft und Nachdenken würden wir beide sie überwinden.
    Diese Gewissheit muss es gewesen sein, die mich so ruhig und beherrscht auf sie zugehen ließ. Schritt für Schritt und ohne Hektik. Von der panischen Angst in mir war nichts mehr zu spüren. Ich glaubte, sie endgültig eliminiert zu haben. Auf den letzten Metern zu ihrer Wohnung hatte ich ernsthaft erwogen zu fliehen. Für immer. Niemals zurückzukehren. Und als ich nun galant ihre Hand küsste, wurde mir klar, dass diese Möglichkeit niemals bestanden hatte. Ihr Lächeln niemals wieder zu sehen, hätte mich umgebracht. Es mag so poetisch und übertrieben klingen, doch ich glaubte damals wirklich daran.

    "Wo bist du so lange gewesen? Ich habe gewartet. Tag für Tag. Warst du krank?"
    "Es ist nicht gut, wenn wir uns am Tag sehen." In ihrem Gesicht zeichnete sich Erstaunen ab, ja fast Unverständnis. Sie hatte mir niemals misstraut, daher versetzte es mir einen Stich. Sie würde sicher niemals Grund haben, mir zu misstrauen! "Wir könnten gesehen werden", setzte ich nach. "Nur die Nacht ist Schutz für uns. Schutz und Stille, unendliche Zeit, die wir beide in völliger Zweisamkeit verbringen können. Genug Zeit, um bis zu den Sternen zu gehen."
    "Du bist so poetisch", sagte sie nur und lächelte.

    Wir gingen hinaus aufs Feld. Der Himmel zeigte sich vollkommen klar. Vielleicht war er das schon den ganzen Tag gewesen. Ich wusste es nicht und wagte nicht, sie zu fragen. Die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden, doch der Himmel hatte sich noch nicht verdunkelt. Dadurch kam ich in den Genuss, das Abendrot bewundern zu können, den Gegenpart zum Morgenrot, das mir zum Feind werden würde. Ich hielt ihre Hand in meiner und so liefen wir über die Felder, alle voll mit reifem Korn. Das letzte Licht ließ sie in einem satten Goldbraun erstrahlen. Nie wieder würde ich etwas so Leuchtendes sehen und die Erinnerung an diesen Abend brannte sich in mein Gedächtnis. Für immer.
    Die Sonne hatte den ganzen Tag über die Luft und den Boden derart aufgewärmt, dass sie barfuß lief und auch ich in meinem dünnen Hemd nicht fror. Ich hatte den Sommer in diesem Land selten so warm erlebt. Wir wirkten frei. Hätte uns jemand sehen können, keiner hätte in dem großen, blassen Mann an der Seite der jungen Frau im dunkelroten Leinenkleid den Grafen des nahen Schlosses vermutet. Die gewöhnlichen Menschen hier kannten mich kaum. In Zukunft würden kaum einer von ihnen mich jemals wieder zu Gesicht bekommen.

    Wir blieben auf einer Wiese stehen und sie trat einen Schritt zurück, sodass ich ihre ganze Figur in der Abenddämmerung betrachten konnte. Sie breitete die Arme aus, legte den Kopf zurück und lachte vor Glück. Wenn ich darüber nachdenke, wird mir erst klar, was für ein bezauberndes Bild es gewesen sein muss. Doch meine Augen ruhten auf ihrem weißen Hals. Ihr Kleid war tief ausgeschnitten, aber das Einzige, was ich sah, war dieser schlanke Hals, an dem sich jeder Muskel hervorhob.
    Unvermittelt überfiel sie mich und zog mich hinunter ins Gras. Ihr warmer Körper war so nah bei mir, dass ich ihr Herz schlagen hörte, ja, sogar fühlte. Ein groteskes Bild überfiel mich - ihr Herz, wie ich es schlagen sah, direkt vor mir, als hätte man es ihr aus der Brust gerissen, lebendig und unablässig warmes, dunkelrotes Blut pumpend. Panische Angst kroch in mir hoch. Sie schnürte mir die Luft ab, brachte meine Inneres dazu sich zu verkrampfen und die wenige Farbe, die ich besaß, musste wohl aus meinem Gesicht weichen. Doch in der Dämmerung war es hoffentlich kaum zu sehen.
    'Ich liebe sie! Sie kann mir bis in den Tod vertrauen, weil ich stark sein werde.'
    Ihre weichen Lippen auf meiner Stirn lösten meine Starre. Aus dieser Geste sprach so viel Vertrauen und Zärtlichkeit, dass mir beinah nach Weinen zumute war.
    Als ich die Augen öffnete - wann hatte ich sie geschlossen? - sah ich wieder ihren Hals vor mir. Wollte es das Schicksal so? Doch ich würde mich nicht darauf einlassen, sondern ihm trotzen, wie bisher. Wo waren mein Stolz und das bisschen Hochmut, mit dem ich häufig Menschen gegenüber auftrat? In ihrer Gegenwart zählte das nicht...

    "Hörst du das Gras flüstern?", fragte ich, während meine Hand durch ihr Haar fuhr. Ich bedauerte, in der heraufziehenden Dunkelheit seine rotbraun glänzende Farbe nicht bewundern zu können.
    "Du bist ein hoffnungsloser Poet."
    "Ich weiß. Und ich tue es nur, um dich zu beeindrucken." Ich war mir sicher, dass sie lächelte. "Nein, ich meine, du bist ein geborener Poet."
    "Dafür wurde ich sicher nicht geboren. Es gehört auch nicht zu meinem Wesen. Selbst wenn es mir in die Wiege gelegt worden wäre. Für die Dichterei als Lebensziel bin ich längst verloren."
    "Nichts ist jemals verloren." Sie legte ihre Hand an meinen Hals. Eine Weile des Schweigens. "Ja, ich höre das Gras flüstern. Da sind viele Geräusche, Tiere im Gras, aber ganz sacht hört man durch diese Geräusche das Flüstern. Es sagt immer die Wahrheit."
    "Und was sagt es dir?" Klang ich tatsächlich unsicher? Die Wahrheit war für mich zu einem Begriff geworden, den ich weder jemals wieder gebrauchen noch eine Tugend, der ich mich verschreiben wollte. Es wäre mein Untergang.
    "Dass dies der schönste Moment in meinem Leben ist." Ich atmete auf.
    Sie ahnte ja nichts. Und ich wünschte mir, es würde immer so bleiben. Ich wünschte es nicht nur, ich war fest überzeugt, dass es so war.

    Mittlerweile bevölkerten die Sterne den Himmel. Wir lagen beide auf dem Rücken, ihr Kopf an meine Brust gelehnt. Entspannt sahen wir beide in den Himmel hinauf. Zumindest sie wirkte ruhig. Ich spürte, wie sich in mir etwas wand, wie ein großer eingesperrter Vogel, der darauf wartet, seine Schwingen ausbreiten zu können, um zu fliegen, irgendwo dort oben zwischen den Sternen. Weit fliegen und auf die Jagd zu gehen. Ich zitterte. Ihre Hand lag auf meiner. Sie war so unglaublich warm, voll lebendigem Leben. Spürte sie nicht, wie kalt meine Haut war?
    Je größer der unheimliche Drang in mir wurde, desto mehr Zweifel beschlichen mich. Ich hatte bis vor kurzem geglaubt, noch immer der Mensch zu sein, der ich vorgestern gewesen war. Unter anderen Umständen wäre ich niemals zu ihr zurückgekehrt. Und nun war ich hier. Ausweglos. Es gab nur siegen oder verloren sein. Wenn ich es nur jetzt schaffte. Was ich war, konnte ich nicht ändern. So würde es nun für immer sein. Aber ich war noch immer bei Bewusstsein. Ich war ein Mensch und ich war, weiß Gott, nicht schwach!
    Mein Kopf war auf ihren herabgesunken und mein Mund war nah bei ihrem. Ich beugte mich etwas vor und unsere Lippen berührten sich zärtlich. Es war ein verzweifelter Versuch, den kämpfenden Vogel festzuhalten. Ich versuchte, den wunderbaren Moment auf mich wirken zu lassen. Auch wenn ich mich gewöhnlich nach außen hin kühl und erhaben gab, dies war eine der Situationen, in denen ich schwärmerisch wurde.
    'Ich werde immer für sie da sein. Ich werde gewinnen, mich gegen jedes Schicksal stemmen und wir bleiben in Frieden für immer zusammen.'

    Für immer? - Der Wildvogel hatte aufgehört, mit den Flügeln zu schlagen. Vielmehr schien er mir in aller Ruhe diese Frage zu stellen. Mein Blick wandte sich nach oben zu den Sternen. Ich konnte dort oben fliegen und darüber hinaus. Solange, bis ich selbst ein Stern geworden war. Ich würde niemals vergehen. Ich würde von nun an ewig leben, wenn ich den Handel einging und dem Drängen des Nachtvogels in mir nachgab. Ja, Nachtvogel war ein sehr passender Begriff. Ich selbst war nun einer. Tagsüber nicht zu gebrauchen.
    Und sie? Sie hatte keine dieser unendlichen Möglichkeiten. Und ich konnte nicht neben ihr stehen und den Nachtvogel davon abhalten, seine Schwingen auszubreiten. Wenn ich es tat, dann würde mein Leben auf dieser Welt zu einem kümmerlichen Dasein grausamster Qual zusammenschrumpfen, so wie ein Falke in Gefangenschaft verkümmert, bis ich mich selbst von innen verzehrte - es sei denn, ich gab nach. Dann gab es für mich nur noch die Ewigkeit.
    Ewigkeit, während sie verging. Dieser Augenblick würde vergehen, so wie jeder nachfolgende. Und sie würde neben mir verblühen, wie eine welke Blume, wenn ich sie verschonte. Ich würde ihr Lächeln niemals wiedersehen. Dieses einzigartige Lächeln, das mit nichts zu vergleichen war. Sie konnte mein Herz damit zerdrücken oder meine Seele umfassen, wenn ich überhaupt noch eine hatte. Mein Gedankengang vom frühen Abend fiel mir wieder ein: 'Ihr Lächeln niemals wieder zu sehen, hätte mich umgebracht.' War das tatsächlich etwas, wodurch man mich töten konnte?
    Plötzlich wusste ich, dass die unstillbare Gier in mir stärker war als alles andere. Ich würde nehmen, festhalten und zerstören, was ich liebte, weil ich es anders nicht mehr fassen konnte. Selbst ihr faszinierendes Lächeln würde ich zerstören. Mit verlängerten Eckzähnen lächelt man nie wieder so wie früher.

    "Lächle noch ein Mal für mich", flüsterte ich. "Es ist so wunderschön."
    "Weshalb?" Sie tat mir den Gefallen und im weichen Mondlicht wirkte es noch faszinierender als sonst.
    "Es ist einzigartig. Dein silbernes Lächeln."
    "Wie kann ein Lächeln nur silbern sein? Ach, ich sagte doch, du bist ein Poet."
    "Es ist das Mondlicht", sagte ich geistesabwesend. Sie würde mit mir in die Nacht gehen. Das Mondlicht stand ihr so wunderbar, es musste ihr Element sein. Ich musste diesen Augenblick jetzt festhalten. Jetzt, bevor es alles vergehen würde.
    Ich glaubte fest daran, dass ich gewinnen würde. Irgendwie hatte die Hoffnung weitergelebt. Doch dann verspürte ich zum ersten Mal in meinem Leben das sagenhafte Gefühl, wenn spitze Zähne eine junge, weiche Haut durchstechen und auf den warmen, pulsierenden Lebenssaft darunter treffen. Es ist längst nicht mehr das einzige Mal, dass ich es getan habe, doch diese erste Erfahrung damit wird ewig unvergessen bleiben. Immer und ewig werde ich mich dieser Nacht erinnern, als sie in meinen Armen starb. Ich trank ihr Blut, das im Schein der Sterne glänzte. Ich griff nach dem puren Leben, um es in mich aufzunehmen. Der Nachtvogel schlug seine Krallen in sie hinein. Aus irgendeinem Grund erwartete ich Verzückung zu spüren, ein Feuer in mir.

    Doch als ich endlich wieder zum Himmel aufsah, da war nichts davon zurückgeblieben. Tiefe Stille herrschte auf den Feldern und in mir. Da war keine Asche von einem Feuer. Kein Nachhall von Verzückung. Nur ihr lebloser Körper. Was auch immer weiter mit ihr geschah, ich hatte sie getötet. Ich hatte ihr Leben und sie selbst ausgelöscht und dem Nachtvogel den Weg geebnet zur seiner Freiheit - für immer und ewig. Ich war gestorben und zugleich neu erstanden. Nicht auf die Art und Weise, wie die Pfaffen es glaubten. Ich konnte zum Himmel aufsteigen, aber nicht zu ihrem Himmel. Sie würden über unseren Leichen Amen und Halleluja singen und viel Weihrauch verbrauchen. Doch sie wussten nichts über die höheren Sphären, in die wir - ich, sie und alle, die nach ihr kommen würden - aufsteigen würden, denn die Gier nach dem lebendigen Lächeln und dem warmen Blut würde nie verstummen. Und nichts von der Hölle, in der wir lebten. Eine Hölle, in der man nicht brannte, wo selbst das Brennen eine Erleichterung wäre. Eine Hölle, die darin besteht, mitunter sich selbst zu verabscheuen. Es gibt kein Hoffnungslicht, nur Schattenbilder, die zur Qual werden. Ich habe zu keinem Zeitpunkt Tränen dafür übrig gehabt.

    Heute denke ich nur mit Melancholie daran zurück, denn ich habe nie wieder etwas so romantisches erlebt, auch wenn es von einem düsteren Schatten begleitet wird. Ich hielt sie noch immer in den Armen und drückte ihren Körper an mich, um sie so lange wie möglich als die zu halten, die sie bald nicht mehr sein würde. Dann, wenn sie erwachen würde.
    Ich hatte keine Ahnung, ob sie mich in ihrem derzeitigen Zustand überhaupt hören konnte, doch flüsterte ihr beruhigend ins Ohr: "Ich weiß, tot zu sein ist komisch."
    Als ich zum Himmel aufsah, schob sich eine Wolke - die erste vermutlich nach diesem Sonnentag - vor den Mond. Selbst er versteckte sich vor mir.




    1730 - Jagd

    Der Himmel zeigte sich am Abend gräulich von einigen Wolken. Die Menschen, die aus der kleinen Kirche strömten, wirkten auf die Entfernung wie kleine, dunkle, gebeugte Gestalten. Sie waren in Scharen zur Maiandacht erschienen und hatten sich dicht an dicht in die enge Kapelle gedrängt. Doch sobald sie das Gebäude verlassen hatten, war die Ruhe ihrer Andacht dahin. Sie fürchteten wohl die Dunkelheit, denn nachdem sie sich vom Pastor verabschiedet hatten, verstreuten sie sich mit erstaunlicher Schnelligkeit und verschwanden in der Dämmerung. Wäre ich näher gewesen, hätte ich vielleicht auch den einen oder anderen Knoblauchkranz, den einige um den Hals trugen, sehen können. Doch zu dem länglichen Gebäude mit dem angrenzenden Turm, dessen Spitze von einem Kreuz geziert wurde, musste ich Abstand halten.
    Zuletzt trat ein Mädchen aus der Kirche. Das Einzige, durch das man sie von den Anderen unterscheiden konnte, waren die hellen, beinah weiß wirkenden Haare, ein seltsamer Kontrast zu den dunklen Gestalten. Während sie sich auf ihren Weg begab, sah sie sich häufig um, wirkte nervös. Sie musste meine Nähe spüren.
    Ihre Schritte wurden schneller, bis sie beinah rannte. Ihre hellen Haare wurden vom Wind ergriffen. Erst am nächsten Haus blieb sie stehen. Vor der Tür sah sie sich noch einmal um. Ihr Blick wanderte zum dunklen Himmel empor. Es war ein sehnsüchtiger Blick, das wusste ich, auch wenn ich ihn nicht sah. Es ist eine Art, in den Himmel zu sehen, die ich sehr gut kenne. Und in gewisser Weise war ich schuld an ihrer Handlung. Denn obgleich sie nichts von mir wusste, hatte ich sie inspiriert, ohne dass sie es merkte. Es ist einfach nur faszinierend, wie inspirierend der Nachtvogel doch sein kann, und vor allem, wie anziehend.

    Sehr lange brauchte ich nicht warten, zumindest kam es mir nicht so vor. Für jemand, der die Ewigkeit kennen gelernt hat, muss es nur ein Wimpernschlag gewesen sein. Ewigkeit - über hundert Jahre ließen eine schon glauben, dieses Phänomen zu verstehen. Doch wenn das schon Ewigkeit sein soll, was ist dann die Zeit, die danach noch kommen wird?
    Langsam öffnete sich der Fensterladen. Eine zarte, weiße Hand stieß ihn zur Seite. Ich konnte sie atmen, ihr Herz schlagen und die Muskeln zittern hören. Ihr war unterbewusst bereits klar, was mit ihr geschah. Ich konnte fühlen, dass sie sich vom Fenster wegbewegte, in eine Ecke des Raumes hinein. Es war eine stumme Einladung.
    Der Nachtvogel flog lautlos hinein. Es konnte weder ein Windhauch noch ein Geräusch sein, das sie mich bemerken ließ. Die Anwesenheit der Dunkelheit ist jedoch immer spürbar. Sie lässt sich nicht verbergen, wie ein Geruch, der einem anhaftet.
    Sie kniete vor einem Kreuz an der Wand, als wäre sie vor der Finsternis, die sie nah bei sich spürte, dorthin geflüchtet. Als Pastorstocher musste dies einfach ihr erster Instinkt gewesen sein. Als sie mich gewahrte, sog sie erschrocken die Luft ein. Jeder Mensch würde erwarten, Angst in ihren Augen zu sehen. Doch der ersten Schrecken in ihrem Gesicht wich einem Blick, der fasziniert und sogar begehrlich wirkte. Sie atmete den Duft der Dunkelheit und er gefiel ihr. Sie war keine einfältige Bäuerin, die sich bei Nacht einschloss. Sie hatte bewusst das Fenster geöffnet, um mich einzulassen. Dieses zarte Wesen aus gläubiger Familie verspürte ein Verlangen nach dem Dunkel, das es sich vielleicht noch nicht erklären konnte, doch ich konnte es. Der Nachtvogel hat das unschuldige Leben schon immer angezogen. Und ich hatte nie zuvor ein Wesen gesehen, das so unschuldig war wie sie.
    Die langen Haare hatte sie geflochten und ihre Hand lag auf ihrem weißen Hals über einem Anhänger. Es war nicht schwer zu erraten, was für einer es war.

    "Es gibt keinen Grund, mir zu misstrauen. Das weißt du..." Ich streckte meine Hand aus, doch sie ergriff meine nicht. Vielleicht verstörten sie die ungesunde Farbe der Haut und die spitzen Nägel, welche die Finger überaus lang wirken ließen. Langsam, zitternd stand sie auf, ohne die Augen von mir zu nehmen. Sie war schön, wenn auch nicht auf eine Art und Weise, wie ein Sterblicher es womöglich definiert hätte. Sie war unberührt und anmutig, darin bestand ihre ganze Schönheit. Ich musste meine Hand nur noch wenig weiter ausstrecken und ich konnte sie anfassen. Meine Finger ertasteten ihr Haar und ich berührte sanft ihre Stirn. Ein Schauer durchfuhr ihren Körper. Sie hatte sich bereits aufgegeben.
    Meine Hände strichen ihren Hals hinab zu den Schultern. Doch noch immer hielt mich etwas von ihr fern. Ich konnte mich ihrem Hals nicht nähern, ohne dass es mich entsetzlich zu blenden schien. Ich musste meine Augen abwenden.
    "Leg es fort. Da du mich freiwillig eingelassen hast, wirst du diese Schranke doch sicher nicht zu schätzen wissen."

    Wie hypnotisiert nahm sie den Anhänger ab und legte ihn auf eine Kommode. Ich machte einen Schritt fort von dem unbequemen Zeichen und sie folgte mir. Ja, sie würde mir überall hin folgen. Wäre ich gegangen, sie wäre mir bis ins Schloss gefolgt ungeachtet aller Warnungen. Doch solange würde ich nicht warten, ich wollte sie jetzt.
    Als ich die Arme um sie legte, schloss sich mein weiter Umhang um uns, als wären wir zu einem Wesen verschmolzen. Ich atmete ihren Körperduft. Ein natürlicher Geruch, der mich an ein großes Kornfeld erinnerte in einer lange vergangenen Sommernacht... Das war alles, was sie damit verband. Das Verlangen, das heute in mir brannte, hatte es damals nicht gegeben. Ich sog ihren Geruch nicht auf, um ihn zu genießen, sondern um ihn zu besitzen. Er würde den stets drängenden Nachtvogel für eine kurze Zeit befriedigen. Ich griff nach dem Leben und wusste doch, dass es vergeblich war. Nur würde mich das niemals abhalten... Ihre Haut roch nach Wärme, lebendig, und vor allem nicht nach Knoblauch, wie bei allen Bauern in der Gegend. Ich atmete tief ein. Zugleich nahm ich meinen eigenen Geruch wahr, den des Nachtvogels. Er vermischte sich mit ihrem und überlagerte ihn. Was auch immer ich ersehnte, gerade dies würde für mich am weitesten entfernt sein. So war es und blieb es, für immer und ewig.
    Mein entrückt wirkendes Verhalten musste ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Sie sah mir in den Augen und ihr Blick fiel auf meinen leicht geöffneten Mund, der die spitzen Eckzähne erkennen ließ. Ihre Brust verkrampfte sich, als habe ihr Herz beschlossen, eher aufzuhören zu schlagen, als weiterhin ihr Blut - für mich bereit - hinauf in die Halsschlagader zu pumpen. Dann wurde ihr Körper schlaff in meinen Armen. Sie hatte das Bewusstsein verloren.

    Fast etwas ärgerlich ließ ich sie auf den Boden hinabsinken. Es wurde Zeit. Der Nachtvogel hatte die Jagd begonnen und er würde sich nicht mit kleiner Beute zufrieden geben. Die Menschen hatte vor Kurzem noch den Maibeginn gefeiert und auch das Tier empfand es als sein Recht, an dieser Feier zum Beginn des lebendigen Teil des Jahres teilzuhaben. Und sie war die Maikönigin. Schön und unschuldig, doch nicht mehr lange.

    Ihr Blut war warm. Es roch nicht so sanft wie ihr Körper, doch auch dieser Geruch war betörend. Und unablässig floss es weiter aus ihrem Hals. So leicht und so ungewöhnlich verlor sie ihre Unschuld in meinen Armen. Der Nachtvogel griff nach dem Leben und zerdrückte es in seinen Krallen. Ich spürte es zerbrechen und ergötzte mich dabei auf abscheuliche Weise daran, welche Macht ich besaß. Ich fühlte mich groß, allumfassend. Eine unbeschreibliche Begierde wuchs in mir, ohne dass ich ihr Ziel beschreiben konnte. Ich wollte alles fassen, was ich haben konnte. Ich wollte besitzen, was ich in diesem Moment so unendlich zu lieben glaubte - völlig gleich, ob ich es damit auch unweigerlich zerstören würde. Der Rausch versetze mich fast in Raserei. Sehr langsam wurde der Blutfluss schwächer...
    Erst nach und nach kehrte das Bewusstsein zurück und damit die Gewissheit, dass sich hinter aller Ekstase nur Trug verbarg. Was sich in einem Moment nach höchster Erfüllung und Freiheit anfühlte, zerfraß mich nun von innen und machte mir bewusst, wie gefangen ich doch war. Den Nachtvogel zu entfesseln bedeutete, mich selbst in Ketten zu legen... Es sind die stärksten Fesseln, die man sich anlegen kann. Ich werde sie niemals loswerden.

    Ihr weißes Nachthemd war an vielen Stellen rot, teilweise sogar zerrissen. Es war ein Wüten gewesen, wie ich es bisher von mir nicht gewohnt gewesen war. Sehr langsam strich ich die hellen Haare zur Seite, damit sie nicht verklebten, und entfernte das Nachthemd mit vorsichtigen Bewegungen. Was würde in ihr vorgehen, wenn sie erwachte?
    Blut war überall an ihrem Hals, den Schultern, auf der Brust. Ihr Bauch war dagegen weiß. Der Körper verlor schon ihren lebendigen Geruch. Ich berührte sie sanft. Meine blutverschmierten Finger hinterließen rote Tropfen auf der hellen Haut. Es wirkte ästhetisch und vor meinen Augen formten sich Worte, in meinem Ohr erklang eine Melodie und meine Finger hinterließen viele kleine Striche. Als kein Blut mehr an ihnen war, benetzte ich sie erneut, um fortzufahren. Ein dunkelroter Schriftzug blieb zurück, den ich lange betrachtete.

    Eines Tages wenn die Erde stirbt
    Und der letzte Mensch mit ihr
    Dann bleibt nichts zurück als die öde Wüste
    einer unstillbaren Gier


    "Du bist ein hoffnungsloser Poet", hörte ich sie in meiner Erinnerung sagen. Doch seitdem hatte sie es nie wieder zu mir gesagt. Hatten wir überhaupt gesprochen? Sie musste mich hassen, noch mehr als sich selbst in dieser Gestalt. Ihren ehrlichen Hass könnte ich eher ertragen als die düstere Gleichgültigkeit und Schicksalsergebenheit, die jeder von uns Nachtkindern zu "leben" lernt. Ich stehe vor den Trümmern meines Traums. Momente wie dieser, in denen alt bekannte Eigenschaften auftraten, versetzten mich jedoch in eine Zeit zurück, als dies anders war. War ich wirklich ein geborener Poet? Oder war diese Gabe erst mit meiner Wandlung in mir erwacht? War die Phantasie nicht eine Gabe der dunklen Seite des Menschen, die man lieber verschlossen hält?
    Wie trügerisch waren diese Momente, die einem vorgaukelten, diese Existenz, die Anwesenheit des Nachtvogels in mir, sei erfüllend. Man glaubt, die Nähe zur Nacht mache einen weise. Die Wahrheit ist: ich kenne mich selbst nicht einmal richtig. Wieder las ich die Zeilen, die ich mit ihrem eigenen Blut auf ihre Haut geschrieben hatte.
    Ein Liebesgedicht oder eine Hymne über ihre Schönheit wäre romantischer gewesen, doch in diesem Moment wollte mir kaum etwas dazu einfallen. Mit ihrer Unschuld hatte sie auch die Aura, die sie vorher umgeben hatte, verloren. Dennoch schrieb ich weiter.

    Die Dunkelheit hat ihre Schönheit,
    so wie sie jetzt in dir erwacht
    Verloren und doch neugeboren
    Gehörst du ihr, mein Kind der Nacht


    Nein, sie gehörte nicht mir. Ich bin außerstande, jemals etwas zu besitzen. Zu besitzen hieße auch, zu beherrschen. Ich besitze nicht einmal mich selbst. Die Gedanken verloren sich in den blutigen Schriftzügen und sie blieben mir im Gedächtnis haften. Für immer und ewig.
    Sie erwachte noch vor dem Morgengrauen, doch ich wartete nicht auf sie. Sie war nicht mein. Mir verlangte auch nicht mehr nach ihrer Nähe. Der Vampir hatte nun vorerst sein Verlangen gestillt. Leider nicht für immer.



    1813 - Aus Liebe

    Einsam stand er vor dem Tor, als wartete er auf jemanden. Die gebeugte Gestalt, obgleich zierlich gebaut, wirkte so viel älter, als sie in Wirklichkeit war. Der Junge würde älter werden. So alt, dass das Alter zuletzt keine Bedeutung mehr haben würde. Ich hatte mich daran gewöhnt. Selbst an den Geruch des längst vergangenen Lebens, nach längst vergangener Zeit und dann noch an den leichten Hauch von Verwesung. Für mich war er kaum noch wahrnehmbar. Mit der Zeit würde auch er kaum noch wahrnehmen, was aus seinem Körper geworden war - und was seine Seele von nun an lenkte. Das Tier in ihm würde ihn aufrichten. Wie verrückt es doch ist, dass gerade das, was uns zerstörte, uns zuletzt Halt gibt und größer macht, als wir es uns jemals zuvor vorstellen konnten. Am Anfang ist es ein Gift, das sich schleichend in uns ausbreitet. Doch zuletzt ist es dieses Gift, das uns gesund macht, das uns von allem heilt, was uns früher einmal bedrückte. Spätestens dann, wenn man sich daran gewöhnt hat, tot zu sein.
    Auch dieser Junge dort unten war tot und er konnte es immer noch nicht begreifen. Noch vergoss er Tränen und starrte voller Selbstmitleid hinaus auf die Landschaft, die sich unterhalb des Schlosses erstreckte. Wie lange würde er dort noch ausharren? Es war mir unmöglich, mich vom Fenster abzuwenden. Ich konnte meinen Blick nicht von dem Bild dort unten lösen. Nicht, dass ich ihn bemitleidete. Doch vielleicht war es meine dunkle, poetische Veranlagung, durch die ich an diesem melancholischen Schauspiel etwas Faszinierendes entdeckte, das mich auf düstere Weise anzog. Es hatte mich auf seine Weise gefesselt. Wie selten sind diese Momente unglaublicher Erlebnisse, wenn man längst das Gefühl hat, in die Ewigkeit eingegangen zu sein. Auch der Junge würde diese Erkenntnis erlangen. Und irgendwann würde er einsehen, dass es nötig gewesen war zu sterben, um wahrhaftig zu leben.

    "Warum kommt er nicht zurück zu mir?" Herberts Stimme zitterte. Er wirkte ängstlich, so als fürchtete er, der Junge könnte davonlaufen. Ein Kind, das den Verlust eines Freundes - oder vielleicht nur eines Spielzeuges - fürchtete. Dabei war er längst erwachsen. Doch offenbar hatte sein Tod seine Charakterentwicklung beendet. Möglicherweise lag es auch daran, dass niemals jemand für ihn da gewesen war. Ich selbst hatte vergessen, was das bedeutete. Eine Mutter hatte es für ihn nicht gegeben, weder im Leben noch jetzt. Sie verschied, bevor ich mich wandelte, und die Gnade, die ihr damit zuteil wurde, ist unvorstellbar. Sie war nicht wie all jene, die nach ihr kamen. Womöglich kann ich mich deshalb nicht an ihr Wesen erinnern. Ich kann mich nicht einmal entsinnen, wo ihre Hülle liegt - besser gesagt lag. Im Gegensatz zu uns blieb sie vergänglich.
    "Ist er böse auf mich?"
    "Nein, mein Sohn. Es ist nur der Schock", erwiderte ich mit der tiefen Ruhe, die zu meinem alltäglichen Wesen geworden war. Mitunter vermischte es sich mit einer steifen Kälte. Die Grenze war leicht zu überschreiten. Doch ich konnte meinen Sohn nicht abweisen in diesem Moment. Ich war verpflichtet, ihm ein offenes Ohr zu schenken - für das, was ich ihm angetan hatte. Ich hatte keine Wahl gehabt, doch das würde ich ihm niemals sagen, denn es käme nur einer Rechtfertigung gleich. Er benötigt keine Erklärung. Ja, ich glaube sogar, in seinem naiven Wesen hat er nie begriffen, was ich ihm angetan habe. Er vergötterte mich dafür zu sehr.
    Im Moment galt seine ganze Aufmerksamkeit dem Jüngling dort draußen. Er hatte gerade den Weg zur Mannwerdung betreten. Seine eigentlich vornehmen Kleider waren schmutzig und er schenkte dieser Tatsache eindeutig nicht viel Beachtung. Wenn man die mittlerweile braunen Flecken des Blutes und das weiße Gesicht nicht ansah, konnte man jedoch etwas Edles an ihm finden. Er wäre sonst sicher nicht Page eines Kaisers geworden. Und nun war er hier, weit fort von seinem Herrn. Bis vor kurzem auf der Suche nach seiner Schwester, die zu mir gekommen war.

    "Ob ich ihm helfen kann?" Auch wenn das eine überaus naive Frage war, zeigte mein Mienenspiel keine Regung. Die Wahrheit war aber, dass man einem Wesen in diesem Zustand nicht helfen konnte. Ich hatte mir selbst damals nicht helfen können. Und wie sollte ausgerechnet Herbert sich um den Jungen dort draußen kümmern können? Ihm schien nicht einmal bewusst zu sein, dass er es gewesen war, der diesen Zustand ausgelöst hatte. Ich schüttelte nur stumm den Kopf.
    Herbert stellte sich neben mich und lehnte sich an den steinernen Fensterrahmen. Obwohl seine Haut weiß wirkte, schimmerten seine Lippen dunkelrot. Das frische Blut stillte nicht nur sein inneres Bedürfnis, sondern auch das Verlangen nach einem strahlenden Aussehen. Er hatte einen Weg gefunden, dem unendlichen Leben eine Richtung zu geben. Selbst wenn es nur Schein war, so musste es doch eine Linderung der ewigen Qual sein, etwas zu finden, das einem das trügerische Gefühl vermittelte, sein "Leben" erfüllen zu können. Nichts hatte es bisher für mich vermocht: weder das, was ein Narr vielleicht als Liebe bezeichnen würde, noch der Hass auf alles, was ich war, oder die vielen Bücher, die ich in meiner Bibliothek gesammelt hatte. Sie alle vermochten keine Antwort zu geben.
    'Der Körper ist ein Grab', hatte ein antiker Philosoph gesagt. Es war lächerlich, dass ausgerechnet ein Sterblicher dies feststellen musste. Er hatte doch keine Ahnung, was es bedeutete. Ein Grab ist ewig. Ein Grab lässt denjenigen, den es umfängt, nicht mehr frei. Dieser Mensch konnte aus seinem Grab fliehen. Er konnte seine Bestimmung lenken und seine Seele beherrschen. Er konnte all das fühlen, was für mich tot war und doch musste ich mit ansehen, wie es neben mir existierte, außerhalb meiner Reichweite, weil ich selbst nicht ganz tot war.

    Ich wünschte mir, den Jungen vor dem Schloss bemitleiden zu können. Ja, Herbert würde sich noch um ihn kümmern. Vielleicht tat es ihm leid, dass er den Armen in den Hals gebissen hatte. In seiner Naivität würde ich ihm sogar zutrauen, ihn noch um Verzeihung zu bitten und zu fragen, ob es weh getan hatte. Doch bald würde es vergessen sein und die Sehnsucht würde wieder erwachen.
    "Ich wollte ihm doch nicht weh tun", flüsterte er neben mir, als habe er meine Gedanken gehört und wollte mich bestätigen. "Ich habe es für ihn getan. Nur aus Liebe."
    "Die Liebe kann grausam sein." Meine Stimme stockte. Es war mir unmöglich, ihm die Wahrheit zu sagen. Wir waren zu gefühllosem Dasein verdammt. Emotion ist Trug. Man kann sich dem Trug hingeben - oder einsehen, dass wir weder lieben noch aus vollstem Herzen hassen können können. So traurig, so niederschmetternd klingt es, und doch gibt es uns eine große Macht. Selbst der Junge würde es einsehen. Noch weinte er. Noch trauerte er darum, vom Leben getrennt worden zu sein. Er trauerte darum, von jenen, die er liebte, getrennt zu sein. Bald würde diese Phrase keine Bedeutung mehr für ihn haben.
    "Aber weshalb weint er dann?" So sehr ich auch über Herberts Frage nachdachte, mir fiel keine Antwort ein, durch die ich wieder hätte ausweichen könnte.
    "Er glaubt, etwas verloren zu haben. Vielleicht ist da jemand, der ihm wichtig war, und von dem er nun durch die Nacht getrennt wird." ?Ein Mädchen?', dachte ich weiter. Er war jung, doch das sagte nichts über die Vielfalt der Gefühlswelt aus. Gerade die Jugend war es, die in einem so viele Sehnsüchte weckte, die einen an die entlegensten Winkel unseres Bewusstseins führten. Die Macht des Nachtvogels würde sich ihm in absehbarer Zeit offenbaren. Das Eintauchen in den See der Nacht würde ihn vergessen lassen. Er würde sich selbst verlieren.
    "Aber sein Kaiser hat seine Schlacht verloren. Da draußen ist nichts mehr für ihn. Sein Reich wird zerfallen. Alle Könige und ihre Länder vergehen. Nur er nicht. Ich habe ihm das geschenkt." Ich nickte nicht einmal. Tatsächlich hatte er in einigem Recht. Napoleons Stern würde sinken. Er würde niemals die unsterbliche Macht besitzen, die ich gelernt hatte zu nutzen. Dem Titel nach mochte ich nur ein Graf sein, doch tatsächlich war ich mehr. Ich war der Kaiser unter meinesgleichen, ein Gott.

    "Ich musste es tun", sagte Herbert. "Ich musste es tun, weil ich ihn liebe." Er wandte sich ab, vielleicht konnte er seinen neuen Schützling nicht länger weinen sehen. Ja, vielleicht war ihm sogar noch möglich, so etwas wie Schuld zu verspüren? Ich wagte nicht, darüber nachzudenken, wo meine Schuld in diesem ganzen Spiel lag. Ich war schwach gewesen und hatte deswegen so viele, die ich liebte, in einen Abgrund gestürzt. Ich musste. Womöglich ohne es zu wissen, hatte Herbert die Wahrheit in ihrer schonungslosesten Form ausgesprochen. Ich musste zerreißen, was ich liebte, weil ich nicht stark genug war. Ein Gott der Nacht, das konnte ich sein. Doch war das nur eine schmeichlerische Umschreibung. Die Nacht war es, die über mich gebot und nicht andersherum. Was bin ich, als eine Kreatur, die vor sich selbst kriecht, die sich selbst belügt und sich kampflos ergibt, sodass sie gezwungen ist, alles, was sie liebt, zu verleugnen. Nicht einmal das, was ich nicht hasse, kann ich lieben. Ich unterwerfe mich dem Unbenennbaren in mir, unterwerfe mich der Gier. Mit jedem Mal, das ich nachgab und mich zu befreien glaubte, schnürte ich die Fesseln enger um mich.

    Meine Finger hatten sich um das vorstehende Fenstersims gekrallt. Ich war versucht zu schreien. Ich umklammerte den Stein so fest, als wollte ich ihn herausreißen, doch das wäre vergeblich gewesen. Mit aller Beherrschung, die mir geblieben war, löste ich meine Hand und trat einen Schritt zurück. Es gab keinen Grund, länger hier zu stehen und sich solche Gedanken zu machen. So selten waren diese Momente, in denen mich solche Geister überfielen, die Wahrheit. Aber sie war belanglos. Ich gehörte nun in eine andere Welt, in der Wahrheit irrelevant war. Mir sind nur noch verborgene Sehnsüchte vertraut, alles, was tief in der Seele schlummert und von der Nacht genährt wird. Ich bin ein Magier im Traumland der Nacht und die Wahrheit wird sich niemals dort hin verirren.
    Langsam gewann ich meine Fassung wieder und blickte durch den Fensterbogen wieder hinab. Die Gestalt hatte sich langsam aufgerichtet. Am Horizont hatte sich ein blasser Schimmer gebildet. Der Junge würde bald dort verschwinden. Der Überlebensdrang des Nachtvogels würde es ihm zumindest raten. Beim Anbruch der nächsten Nacht würde alles vergessen sein. Auch meine eigene Qual würde mit seiner verschwinden.
    Mir wurde plötzlich klar, warum ich so lange von diesem Anblick gebannt die von Schluchzern zitternde Gestalt beobachtet hatte und warum ich dieses Bild zugleich so verurteilt hatte. Ein winziges Gefühl hatte sich in mir geregt: ich beneidete ihn von ganzem Herzen darum, dass er noch Tränen hatte, die für mich verloren waren.



    1901 - Zeit

    "Nur ein Biss und es ist passiert!"
    Ein Moment, in dem ich nachgebe, ein Moment, in dem es passiert, nach dem ich mich sehne. Doch kein Moment, der jemals ein Ende dieser Kettenreaktion verheißt, seitdem sie begann.
    Nichts ist unheimlicher als die Stille, denn darin verbirgt sich die große Gefahr der Erinnerung.
    Meine Hand streicht über den Grabstein neben mir, gleitet hinab, hinüber zum nächsten, fühlt den rauen Stein und sein Alter. Doch ich war vor jedem einzelnen Stein da.
    Die Zeit rinnt mir durch die Finger. Sie vergeht, ohne dass ich es fühle, denn ich bin ewig geworden und ewig sind meine Triebe, die mich immer und immer wieder hochtreiben, immer höher bis über die Sonne hinauf. Doch wenn sie dann vor mir steht, verkrieche ich mich vor dem Licht und habe nicht den Mut in ihren Strahlen, in dem aller höchsten Moment, zu vergehen.
    Was für eine Kraft in oder außerhalb dieser Welt ist das, die so grausam zu mir ist, weil sie mich am Leben erhält? Sie entzog mir Ehre und Mut, jede Hoffnung, die ich mir hätte machen können und selbst jetzt, wo endlich die beruhigende Nacht hereingebrochen ist, entzieht sie mir jeglichen Lichtstrahl: selbst der Mond ist nicht zu sehen und ebenso kein einziger Stern am Himmel. Ich glaube, ihnen graut vor mir.

    Genauso war es in der Nacht, als es begann. Die vollkommene Dunkelheit erweckt die Schattenbilder meiner Vergangenheit. Ich sehe sie im Gras vor mir liegen, im flüsternden Gras, wie ich es nannte. Es ist kaum zu glauben, dass ich mich daran noch erinnern kann, selbst jetzt, wo das Gras schon lange nicht mehr mit mir flüstert - oder ich habe einfach verlernt zu lauschen?
    Ich sehe das Mädchen in ihrem Blut am Boden liegen, ihre elfenbeinweiße Haut mit meinen Gedichten beschrieben. Erstaunlich, dass der Poet in mir noch immer lebt, auch wenn er lange kein Wort mehr geschrieben hat - oder habe ich verlernt, auf diese Art und Weise einfach menschlich zu sein?
    Ich sehe den Jungen vor dem Tor stehen, den ich, ohne direkt Hand an ihn gelegt zu haben, in die Nacht zog. Ich habe meinen eigenen Sohn mit sich allein gelassen und ihm nie klar machen können, welche Schuld ich trage. Und doch ist es faszinierend, wie sehr ich trotzdem versuche, ihm ein Vater zu sein, obwohl mein Sohn so alt ist - ich habe verlernt, an die Möglichkeit zur Veränderung zu glauben.
    Und ich sehe sie alle, alle, die hier unter diesen Steinen liegen und alle, die sich in der Dunkelheit der umgebenden Berge versteckt halten, wenn sie in dieser Nacht herauskommen. Auch wenn sie nicht alle von gleicher Hoheit und Alter sind, gibt es Ähnlichkeit. Sie tragen ihr Schicksal verschieden, doch sie tragen es, denn sie sind alle gleichermaßen wehrlos, wie ich.

    Ich stehe an dem Ort, an dem alles begann, Tod und Geburt, und hier fühle ich mich wohl, vielleicht weil ich die Hoffnung hege, dass hier auch alles enden kann. Und so komme ich jedes Jahr zurück auf den Friedhof, am Abend unseres Mitternachtsballs, wenn die Gräber sich leeren.
    Ihre Bewegungen, wenn sie ihre Gräber verlassen, sind auf subtile Art und Weise graziös, merkwürdig lebendig, obwohl das Alter sie gezeichnet hat, allein die Vielfalt ihrer Gewänder aus vergangenen Epochen breitet vor mir das Bild meines Lebens und meiner ebenso verfluchten Vorfahren aus, in dem ich unzählige Geistesbewegungen, Ideale, Lebensausrichtungen und Weltbilder habe kommen und gehen sehen - müssen - nur eine Sache verbindet sie. Sie alle haben kennen gelernt, wie es sich anfühlt, wenn lange Zähne in einen eindringen und der Geist in Form eines roten Flusses aus einem flieht, sie haben alle kennen gelernt, welchen Genuss es bereitet, einem dabei zuzusehen, wenn jemand dieses Schicksal erfährt. Auch wenn wir wissen, dass großes Leid daraus entsteht, zieht es uns stark an und im Gefühl höchster Vollkommenheit trinken wir des Opfers Blut und essen seine Seele, wohl wissend, dass nichts davon uns sättigen kann.
    Auch die eine ist unter ihnen, die einmal der Mensch mit dem silbernen Lächeln war, jetzt ist sie das Wesen mit dem gierigsten Lächeln, das mir je begegnet ist. Sie wird begleitet von dem schüchternen Jungen, der einmal weinte, nun giert er nach den Tränen seiner Opfer. Und unter allen Kindern der Nacht ist eines, das der Nacht mit unschuldigem Blick sogar freiwillig die Tür zu seinen Gemächern öffnete, doch die früher verlockende Unschuld hat sich verloren im Antlitz dieser nun selbstgefälligen Vampirin.

    Ich weiß, sie wird heute Nacht genauso werden, mein Sternkind, das meiner Einladung zum Mitternachtsball erfüllt vom Drang nach Abenteuern gefolgt ist, durch meine Tore schritt und staunend die Eingangshalle betrachtete, so als wüsste sie plötzlich nicht mehr genau, warum sie gekommen war.
    "Ich fürchte mich vor dir", flüsterte sie, doch ihre Stimme zitterte nicht und ihre Augen glänzten wie Sterne, mutig und begeistert. Ich wusste, es gab einen großen Unterschied zwischen ihr und allen anderen: Sie war bereit dafür.
    Es wäre längst um sie geschehen, hätte ich mir die einzigartige Transformation ihrer Seele nicht für diese Nacht aufgehoben, ein ganz besonderes Fest. Es wird das erste große Abenteuer ihres Lebens werden, eine Reise auf den Flügeln der Nacht, die sie selbst zu einem Nachtvogel machen wird.
    Das ist das Ende... Wie alle anderen wird sie von mir gehen, wenn Neugier und Abenteuerlust, seien sie bei ihr auch noch so ausgeprägt, einer noch größeren Anziehungskraft weichen. Es ist wahrhaft traurig, wie ein Geist, der eben noch vor Liebe sprühte, so stumpf werden kann.

    Die Liebe... ein Phänomen unter Sterblichen und für mich ein Problem, wie sie kürzlich herausstellte. Der junge Student Alfred, der mit seinem "fledermausforschenden" Professor Abronsius angereist ist, vergöttert das Mädchen geradezu, so sehr, dass er und sein seniler Lehrer doch tatsächlich bis zu mir gekommen sind. Der Junge, um das Mädchen zu holen und der klapprige Narr, um mich zu holen.
    So selbstsicher und beseelt vom Glauben daran, dass sie das richtige tun würden, kamen sie zu meinem Heim, das doch eigentlich von jedem, der von sich behauptete, nur einen Funken Vernunft zu besitzen, seit Jahrhunderten tunlichst gemieden wurde. Ich wünschte wirklich, ich könnte nur noch ein einziges Mal lachen - nicht hohl und schadenfroh, sondern aus der Seele, denn es ist wahrhaft so herrlich absurd und ich habe das Gefühl, es wäre ein vollkommen ehrliches Lachen wert.
    Gibt es Gefühle, die ehrlicher sind als andere? Gibt es Liebe, wie Alfred sie verfolgt, die alles umfassende und anbetenswerte Liebe? Etwas, das jede Nacht übersteht, warten auch drohende Geister von außen und innen auf dein Scheitern, so etwas vollkommenes? Gibt eine absolute und unerschöpfliche Logik, wie die vom Professor propagierte, die uns immer ans Ziel führen wird, wenn wir die richtigen Fragen stellen, die göttliche Logik? Das, was sich über niedere Triebe erhebt und uns teilhaben lässt an etwas wie "Wahrheit?"
    Lohnt es, daran zu glauben? Ich habe selbst gesehen, dass ein großer Unterschied besteht zwischen dem, was der Mensch glaubt und dem, was ist. Ich glaube nichts mehr, nicht einmal mehr daran, dass es keinen Gott oder etwas anderes gibt, dem es sich zu verschreiben lohnt und ausgerechnet dieser Widerspruch erscheint mir sinnvoll.
    Ich glaube, ich war seit beinah 300 Jahren nicht mehr so "poetisch", zumindest hätte sie es so genannt.

    Schritt für Schritt gehe ich weiter bis zum Ende des Friedhofs, der eigentlich eine "Ruhestätte" hätte sein sollen. Nur ein paar gekrümmte Steine, verschobene Grabplatten, eisige Dunkelheit und diese tiefe Stille, die sich mit Schatten aus meiner Vergangenheit füllt.
    Es wäre alles leichter zu ertragen mit dem Gewissen, ich wäre nicht der einzige, der über solche Dinge nachdenkt.
    Oh, der Professor würde staunen bei seiner Forschung, dass das Anschauungsobjekt tatsächlich denken und, man wagt es kaum zu glauben, fühlen kann. Wie schade, dass er nicht davon berichten können wird. Stattdessen wird er die Möglichkeit bekommen, noch näher am Geschehen zu forschen... Wer weiß, vielleicht wäre das sogar zum ersten mal ein ernst zu nehmender Gesprächspartner, eine Überraschung, welche die Ewigkeit erträglicher machen könnte? Aber allein das macht es sehr unwahrscheinlich und unglaubwürdig, zumal man kann ohnehin nicht von allen Vampiren behaupten kann, dass sie auch nur annähernd die Veranlagung besäßen, über die Maße zu denken.
    Unter zahlreichen Verwandelten gibt es faszinierenderweise einige, die ihr Schicksal nun erst richtig schamlos anzupacken wagen. Wie etwa der urige Wirt, der kürzlich nach seiner Wiedererweckung sogleich begann, sich sein neues "Leben" dadurch noch schmackhafter zu machen, indem er erst einmal seiner Magd und Geliebten den Genuss von Blut nahe brachte. Der Nachtvogel, in ihnen wie in mir, besitzt zwar immer eine gewisse Ästhetik, doch diese beide haben eine andere Art als ich, diese auszulegen und auszuleben. Es sei ihnen gegönnt, würden nur sie, ihr Gekicher und andere Geräusche außerhalb meiner Gruft bleiben...

    Dass ich mir ein gewisses Maß an Haltung bewahrt habe, hat mir zumindest einen Funken Stolz gelassen, etwas Ruhe, die es mir möglich macht, bis Mitternacht zu warten, ehe der Durst gestillt wird - für eine Weile.
    Es entbehrt doch tatsächlich einer gewissen Ironie, dass ein so uralter Trieb, wohl der erste, auch der letzte der Menschheit sein wird, ehe sie sich zerstört. Es ist der einzige Gott, dem im Stillen jeder dient. Und sollte in dieser Nacht auch nichts kommen, wie es sein sollte, es komme was wolle, doch an diesem Umstand wird sich dennoch nichts mehr ändern.
    Die unstillbare Gier ist nicht das Kind des Nachtvogels, sondern es ist umgekehrt. Mag der Durst nach Blut sich am Ende auch nicht durchsetzen können, was dennoch immer und ewig bleibt, die unstillbare Gier lässt sich nicht verdrängen, sie kann sich nicht einmal selbst zerstören. So sollte es wohl von Anfang an sein: der Mensch ist bloß ein Säugetier.
    Die Menschheit ist blind und hat es noch nicht gesehen, aber wir, die Verdammten, wir wissen es schon lange. Wir leiden sehr, doch in diesem sind wir euch Sterblichen überlegen, denn wir dienen dem einzigen wahrhaft unsterblichen Gott, deswegen sind auch wir unsterblich.
    Ich lasse den Friedhof hinter mir, denn dort ruht nur die Erinnerung an den toten Gott. Doch vor mir im großen Ballsaal liegt die Feier zu Ehren dessen, dem ich dienen muss. Es wäre dumm, eine Feier zu versäumen, erst recht eine, die immer und ewig andauern wird.




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