Mond

Stille Nacht - Schattenhafter Weihnachtsmorgen


Teil: 1 [One-Shot]
Disclaimer: alles meine
Zusammenfassung: Eine anderen Bedeutung für die Stille, Heilige Nacht
AN: war die Siegergeschichte beim Weihnachtswettbewerb des HP-FC *mir auf die Schulter klopf* ^^


Es war kalt im Raum und sie zog sich den Schal noch enger um die Schultern. Die letzten Tage hatten sie dauernd gefroren. Es gab nichts zum Heizen, sie konnten sich nur selbst wärmen und eigentlich hätten sie nicht einmal ein Dach über dem Kopf gehabt, wären sie nicht bei Bekannten untergekommen. Manche Leute hatten fast alles verloren, weil die Häuser völlig abgebrannt waren. Das Haus, in dem sie mit ihrer Familie gewohnt hatte, war auch beschädigt und unbewohnbar, denn keiner wusste ob es nicht plötzlich doch noch einstürzen würde. Man hatte das Wichtigste bergen können, doch ihr ging es weniger um die Eigentümer, sondern vielmehr die Tatsache, dass es ihr so ungerecht erschien. Was waren das für Menschen, die mitten im Winter Städte bombardierten. Und das ausgerechnet vor Weihnachten. Ihre Mutter hatte versucht sie zu trösten. „Wir werden sicher ein ruhiges Weihnachten haben“, waren ihr Worte gewesen, doch sie hatte die Unsicherheit in der Stimme ihrer Mutter gehört.
Jetzt saß sie auf dem Boden der kalten Wohnung und alles, was sie sich wünschte war ein bisschen weihnachtliche Stimmung. Ihr kleiner Bruder lag in ihrem Arm und schlief.
Es war schon lange dunkel, das Essen war karg ausgefallen und sie vermisste ihre Wohnung, ihr weiches Bett und die Weihnachtslieder, doch sie wollte sich Weihnachten nicht verderben lassen. Leise begann sie ein Lied zu summen. Zwar war da nicht die gewohnte Begleitung des Klaviers – ein Balken hatte es zertrümmert – doch es erfüllte sie trotzdem mit Ruhe.
Es war Krieg und die Stadt zum Großteil zerstört, aber das zählte jetzt nicht, es war Weihnachten.

Es waren die Sirenen, die sie und ihren Bruder aus dem Schlaf rissen. Sofort saß sie aufrecht da. Jemand riss die Tür auf und stürzte ins Zimmer. Im fahlen Lichtschein einer Kerze erkannte sie ihre Mutter. Sie spürte, wie sie hochgezogen und aus dem Zimmer gedrängt wurde. Die Wohnung schien erfüllt von Schatten, überall waren Bewegungen, Lichter, Stimmen. Eine angespannte Stimmung lag in der Luft.
Es dauerte eine Zeit bis sie begriff, was vor sich ging. Man hatte offenbar nicht vorgehabt sie auch heute in Ruhe zu lassen und das, von dem sie gehofft hatten, dass es nach einem Mal ein Ende finden würde, sollte sich an Weihnachten wiederholen. Das Donnern am Himmel, in der Luft und in der Stadt, die hellen Blitze, Erschütterungen und dann wieder Schatten und kaltes Schweigen. Eisiges Schweigen, aus dem nicht jeder wieder erwachte. Sie kannte es und der Gedanke an die bevorstehende Nacht ließ sie erschauern.
Warum?, fragte sich das Kind in ihrem Kopf und sie selbst konnte sich keine Antwort darauf geben. Es musste einen Grund geben, eine Rechtfertigung. ‚Du bist zu jung, um es zu verstehen’, hätte ihr Vater vielleicht gesagt, doch er war nicht da, schon eine ganze Weile, vielleicht würde er nie wieder zurückkommen und sie wusste, dass sie es gar nicht verstehen wollte.
Jemand berührte ihre Schulter und drängte sie vorwärts. Eine kleine Hand schob sich in ihre und auch wenn es fast völlig dunkel war, wusste sie wem sie gehörte. Im flackernden Licht sah sie das Gesicht ihres kleinen Bruders. Er war bei ihr. Er hatte Angst, sie konnte es sehen. Doch ihre Angst wurde von dem Grauen und Unverständnis erdrückt.
Sie waren auf der Treppe als das erste laute Donnern in ihrer Nähe zu vernehmen war. Jeder zuckte erschrocken zusammen und die kleine Hand umklammerte die ihre noch fester. Es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit, obwohl sie wusste dass es nur Trug war.
Von irgendwoher erhellte ein Licht schwach den Kellerraum. Sie wurde an die Wand gedrückt und umklammerte den kleinen Körper ihres Bruders. Einige Gestalten breiteten Decken aus, andere liefen wieder die Treppe herauf. Offenbar fehlte noch jemand. Inständig hoffte sie, dass ihre Mutter nicht unter ihnen war, doch es war kaum möglich zu erkennen, wer sich in dem Raum befand und wer nicht.
Langsam ließ sie sich auf eine Bank gleiten und wickelte sich und den Jungen, der sich an sie drückte in eine Decke ein. Der ganze Raum zitterte leicht und wieder donnerte es. Ein beinah regelmäßiges Beben. Das Licht flackerte.
Drei Gestalten kamen herein und von nun an verließ niemand mehr den Raum. Keine Bewegung war in der schattenhaften Dunkelheit wahrzunehmen und kein Gesicht deutlich zu erkennen, nur das Donnern, Zittern und Tosen über ihnen war so gleichmäßig, dass es sich fast zu einem monotonen Ton zusammenschloss. Die Welt hatte jegliche Kontur verloren und alles verschwand in einem bodenlosen Gefühl der Körperlosigkeit. Sie nahm nicht mehr wahr, ob da ein Licht oder Dunkelheit war, denn sie hatte ihre Augen geschlossen. Das Licht, das sie sah, bestand nur vor ihrem inneren Auge. Das Brausen über ihnen schien sie fast zu tragen und nur die kleinen Kinderarme, die sich um sie schlangen, hielten sie in der Wirklichkeit.
Doch dieses Gefühl war das einzige, das sie band. Ihre Gedanken flogen weit, weit fort.
Als wäre es selbstverständlich erklang in ihrem Ohr die Melodie eines Weihnachtsliedes. Sie versuchte es zu analysieren... Es war ‚Stille Nacht’ und tief in ihren Gedanken erschien ihr auch alles um sie herum so ruhig und still, als säße sie alleine auf dem Gipfel eines Berges und selbst der Wind hätte aufgehört zu wehen. Doch es war nicht kalt, wie auf einem Berg, sondern wohlig und warm, ruhig wie an Weihnachten... eine so stille Nacht...

Es war kein Geräusch, das sie weckte, auch nicht die Stille, denn davon wäre sie nicht aufgewacht, dafür war es in ihrem Traum selbst zu still gewesen. Sie wusste nicht, was es war, doch eine innere Stimme sagte ihr, dass sie die Augen öffnen konnte. Ohne Vorwarnung wurde sie wieder in die Realität zurückgerissen.
Es war düster in dem Raum und nichts wies darauf hin, ob es Tag oder Nacht war. Keiner der Gestalten bewegte sich. Das Bild unterschied sich kaum von dem, was sie zuletzt gesehen hatte bevor sie die Augen geschlossen hatte. Und doch war es nicht dasselbe.
Es dauerte einen Moment bis sie begriff, dass es die beinah friedliche Ruhe war, die anders war. Da war kein Donnern, kein Tosen, Beben der Wände oder Brausen der Flugzeuge. Nur das Schnarchen einer Gestalt in der Ecke des Raumes und leise Atemzüge.
Vorsichtig löste sie die Kinderarme von ihrem Hals, ohne dass er erwachte. Langsam, fast mit der leisen Bewegung eine Katze, schlich in sie in die Richtung, in der sie den Ausgang vermutete.

Sie war schon auf der Treppe, als sich wieder die kleine Hand in ihrer spürte. Wie konnte es auch anders möglich sein? Er hing immer an ihr, wie konnte sie da erwarten, dass es sich ausgerechnet am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages anders verhielt?
Fahle Sonnenstrahlen, gedämpft von Rauch, schienen ihnen entgegen und im ersten Moment mussten sie beide die Augen zukneifen. Es war ein zu starker Kontrast im Gegensatz zu der Dunkelheit des Kellers. Doch obwohl die Strahlen noch sehr flach waren und die Luft so kalt war, dass sie ihren Atem sehen konnten, schien es als würde die Sonne, die durch eine Ritze in der dichten Wolkendecke fiel, versuchen sie zu wärmen.
Das Bild, das sich ihnen auf der Straße bot, hatte noch erstaunlich viel mit dem gemein, was sie vom Vortag in Erinnerung hatten. Wenig Neues war eingestürzt, zumal das meiste schon beim letzten Angriff vernichtet worden war. Die einzelnen Mauern, Balken oder sonstige Bauteile zerstörter Häuser, bildeten lange Schatten und richteten sich wie Mahnmale in die Höhe.
Lange betrachteten sie das Bild, nahmen jedes Detail, jeden Stein, Schatten und Lichtstrahl in sich auf. Es schien eine völlig veränderte Welt. Etwas neues, kein reines Schreckensbild als Erinnerung an die Nacht. Einfach ein neuer Tag.
Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, so plötzlich und unerwartet, wie es mit Gedanken oft so ist: ‚Ich wusste nie genau, was Weihnachten ist, außer einem Fest. Aber es ist die Geburt von etwas, es bedeutet die Wiedergeburt von uns selbst. Alles wandelt sich ständig, doch nichts so sehr wie in dieser Nacht. Es liegt an uns etwas daraus zu machen.’
Ihr Blick fiel auf ein eingestürztes Haus. Niemand würde mehr darin wohnen können, bevor es nicht wiederhergestellt war. Es warf einen langen, unförmigen Schatten, als würde es die Dunkelheit und Angst der Menschen in der letzten Nacht wiederspiegeln, doch das alles vermochte kein Schatten auszudrücken.
Langsam gingen sie die Straßen hinauf, eine Hand in der anderen, und ließen die Schatten hinter sich, denn die Sonne war vor ihnen. Es war der Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages, so wie es ihn jedes Jahr gab, doch diesmal war er anders. Und im Licht glitzernd fielen sanft einzelne Schneeflocken herab, die, sobald sie den Boden berührten, einfach verschwanden.
 Nichts war gänzlich verloren, nur wiedergeboren. Auch auf eine Stille Nacht folgt ein Tag des Lebens.




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