Mond
Titel: Heaven Can Wait
Rating: 16
Disclaimer: Die Rechte an diesen Figuren hat JKR, den Song "Heaven Can Wait" hat Jim Steinman geschrieben
Warning: femslash
A/N: Ich habe zwar einen Song eingebaut, es ist aber keine richtige Songfiction, zumindest seh ich es nicht so, denn der Songtext taucht erst ab der Mitte auf. Ich seh den Songtext eher als zusätzliche Gedankengänge der Personen.

Vorgaben von Ennairam:
Hauptcharaktere: Hermine, Ginny
Handlung: Mitten im kalten Winter treffen sich Hermine und Ginny auf ein heißes Schäferstündchen.


Heaven Can Wait



Es war schon dunkel, als Hermine an der Hütte ankam. Eine wunderschöne Holzhütte, in der man Winterferien machen konnte, direkt am Rande eines verschneiten Waldes. Sogar einige Eiszapfen hingen am Dachrand. Genaueres konnte Hermine zur ihrem eigenen Ärger in der Dunkelheit nicht erkennen, doch es wirkte sehr idyllisch.
Natürlich wurde es sowieso schon früh dunkel, aber sie hatte sich extra beeilen wollen, um rechtzeitig zum Aufbau der kleinen Feier zu kommen, nur war sie in letzter Minute im Ministerium aufgehalten worden. Dann war eine Eule von Ron gekommen, der spontan zu einer Trainingsrunde seiner Freizeit-Quidditchmannschaft mit Harry gegangen war und sich folglich doch nicht um die Kinder kümmern konnte. Hermines Eltern befanden sich gerade im Urlaub auf Hawaii – einmal die Vorweihnachtszeit in Badehosen genießen – und sie wusste, dass Molly sich gerade mit einer Grippe plagte. Es war reines Glück, dass sie die Kinder schließlich bei Bill und Fleur (eindeutig ein Akt der Verzweiflung) hatte unterbringen können. Es ärgerte sie, ausgerechnet heute zu spät zu kommen, wo Ginny spontan zu einer kleinen Weihnachtsfeier ehemaliger Gryffindor-Schülerinnen eingeladen hatte. Ginny hatte es vermutlich auch nicht leicht mit den Vorbereitungen, sie hatte sicher mit Hermines Hilfe gerechnet...

Doch als sie vor der einsamen Hütte, die Ginny extra für diesen Anlass gemietet hatte, apparierte, stellte sie zu ihrem Erstaunen fest, dass es völlig still war. Das Haus lag vollkommen ruhig da, drinnen brannte Licht, doch da waren keine Stimmen, nichts, was auf eine Feier hindeutete und bisher führte nur eine Fußspur durch den Schnee auf die Haustür zu. War sie doch zu früh gekommen?
Mit dem Zauberstab entzündete sie ein Licht und untersuchte den Eingang. Da waren keine verdächtigen Zauber, nichts, was auf ein schreckliches Ereignis hinwies. Sehr vorsichtig schlossen sich ihre Finger um den Türknauf und öffneten.
„Ginny?“ Ein zaghaftes Rufen nur. Einen Augenblick herrschte faszinierte Stille und aus der Hütte kam keine Reaktion. Dann plötzlich, ohne Vorwarnung, wurde die Tür aus Hermines Hand gerissen und ganz geöffnet.
„Hermine! Schön, dass du gekommen bist.“ Ginny umarmte sie überschwänglich. Hermine war zu verdutzt, um zu reagieren. Die Umarmung fiel sehr herzlich aus und während Hermine noch den Schreck des Augenblicks überwand, bemerkte sie, dass die Hütte – wie sie vermutete hatte – bis auf Ginny leer war.
„Ja, und es scheint, als wäre ich die einzige. Was ist passiert?“
„Was soll denn passiert sein?“ Ginny runzelte die Stirn.
„Na, du hast zu einer kleinen Weihnachtsfeier eingeladen. Kommt denn sonst niemand?“
„Warum? Es gibt doch keine Untergrenze, wie viele Leute zu einer „kleinen“ Weihnachtsfeier kommen müssen. Aber komm rein, sonst wird es so kalt.“ Sie grinste und schloss die Tür hinter Hermine, die sich verwirrt aus ihrem Wintermantel schälte.

„Also haben die anderen abgesagt“, mutmaßte sie. „Da bin ich ja froh, dass ich es noch geschafft habe, ich hätte beinahe Rose und Hugo nirgendwo unterbringen können.“ „Kommt mir bekannt vor“, sagte Ginny und aus ihrer Stimme sprach echte Resignation. Hermine konnte sich die Situation vorstellen: Harry war ja ebenfalls Quidditch spielen gegangen. Sie hängte ihren Mantel auf und legte Ginny aufmunternd einen Arm um die Schultern.
„Jetzt ist es auch egal. Wir haben es geschafft und was auch immer schief gelaufen ist, dann machen wir uns eben zu zweit eine schöne Feier.“ Sie lächelte und Ginny nickte, doch aus irgendeinem Grund hatte Hermine den Eindruck, dass sie etwas verschwieg und von ihrem eigenen Nicken nicht ganz überzeugt wirkte. Aber sicher würde sich die Anspannung im Laufe des Abends noch lösen.

Mit der Zeit war Hermine eine geübte Hausfrau geworden, die mit einem scharfen Blick und guten Zauberkünsten trotz Arbeit auch einen Haushalt mit Kindern und einem Mann, der ebenfalls noch ein halbes Kind war, zusammenhalten konnte. Sie erkannte mit einem Blick, dass Ginny in der kleinen Küchenecke nichts vorbereitete hatte und mit dem Wink ihres Zauberstabs setzte sie einen Kessel mit Wasser auf, um Tee zu kochen.
„Wow, den Dreh krieg ich nie raus“, bemerkte Ginny neidisch. „Du bist wirklich eine gute Hausfrau geworden. Wie läuft das Leben so mit den Kleinen und meinem Brüderchen?“
„Es ist ein bisschen anstrengend, aber nur ein bisschen und es lohnt sich alles hundert Mal“, antwortete Hermine lächelnd. Ginny betrachtete sie prüfend, als erwarte sie noch eine Weiterführung des Satzes.
„Kein Aber? Das Leben ist doch nie perfekt. Ich weiß doch, dass du meisten selbst überall was zu verbessern findest.“
Hermine hielt in ihrer Küchenarbeit inne und sah Ginny fragend an.
„Bin ich wirklich so?“ Sie lachte. „Aber man könnte tatsächlich sagen... nein, man kann es nicht nur sagen, es ist so: Ich bin momentan wirklich zufrieden. Immerhin geht es uns allen gut, was will man mehr?“
Ginny nickte nur, doch Hermine glaubte zu sehen, wie ihre Augen ein wenig dunkler wurden und ihr Blick wirkte etwas abwesend, so als hätte Ginny etwas antworten wollen, das sie nun doch lieber für sich behielt. Hermine war nicht ganz klar, worauf ihre Schwägerin hinaus wollte. Natürlich gab es immer mal Ärger, grade wenn Ron mal wieder ihre Planung durcheinanderbrachte wie heute, aber im Grunde hatten sie alles, was sie brauchten. Musste man dann nicht glücklich sein?

Sie trug zwei volle Teetassen hinüber zu der Sitzecke, bestehend aus einem Sessel und einem Sofa vor einem Kamin, in dem ein gemütliches Feuer prasselte. Ginny war sicher ein wenig frustriert, dass ihre Feier so im kleinen Kreis endete und Hermine nahm sich fest vor, sie aufzumuntern.
„Erzähl du doch mal. Was machen deine Rabauken? Harry ist doch sicher auch sehr viel im Ministerium, da werden sie viel an dir hängen.“
„Oh ja, das tuen sie“, erwiderte Ginny mehr beiläufig als zustimmend. „Aber Harry unternimmt auch gern was mit ihnen. Er möchte so viel für sie da sein, wie er kann. Ist ja verständlich, dass er das möchte, wo er selbst das Glück nie hatte, dass jemand für ihn da war, als er klein war. Aber er arbeitet auch viel, das bedeutet ihm sehr viel. Immerhin hat er eine Menge Arbeit auf sich genommen, um die Aurorenausbildung zu schaffen.“
„Hm...“ Hermine nippte an ihrem heißen Tee. „Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich find es toll, dass er sich so sehr für die Sachen einsetzt, die ihm was bedeuteten.“
Ginny antwortete nicht, sondern nickte nur und begann ebenfalls, ihren Tee zu trinken. Hermine hatte sie eigentlich aufmuntern und den Stolz auf ihre Familie, den Ginny sicher hatte, wecken wollen. Doch das Resultat war nur betretenes Schweigen.
„Oh Ginny, was macht eigentlich euer Kleinster? Läuft er denn scho...“ Hermine wurde mitten ihrem Satz unterbrochen, als Ginny mit einem deutlichen „Bumm“ ihre Teetasse auf den Sofatische stellte. Erstaunt betrachtete Hermine ihr Gegenüber und überlegte, ob es vielleicht keine Absicht gewesen war, sie zu unterbrechen, doch Ginny stand plötzlich auf.

„Tut mir leid, Hermine.“ Sie sah zur Seite und seufzte tief. „Ich wollte dich nicht unterbrechen, aber... können wir das Thema wechseln?“
„Öhm... natürlich...“ Hermine starrte Ginny verwirrt an und zum ersten Mal betrachtete sie die Jüngere genauer an diesem Tag. Sie hatten sich schon eine Weile nicht gesehen und gegenüber ihrem letzten Treffen wirkte Ginny an diesem Tag deutlich erschöpfter. Ihre Augen waren dunkler, ihre feuerroten Haare waren verwirrt und ihr Gesicht wirkte ein wenig stumpf. Das unangenehme Gefühl, etwas sehr Wichtiges nicht bemerkt zu haben, überkam Hermine.
„Ginny, ist denn alles in Ordnung? Du kannst es mir erzählen...“ Die Angesprochene schüttelte nur den Kopf.
„Nicht jetzt. Möchtest du noch Tee?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm Ginny einfach die beiden Tassen und Hermine hörte, wie sie in der Küche wieder aufgefüllt wurden. Mit zwei vollen Tassen kehrte Ginny zurück und nachdem sie sich gesetzt und einige Schlucke getrunken hatte, wirkte sie wieder etwas entspannter. Hermine tat es ihr nach und ließ absichtlich ein langes Schweigen zwischen ihnen stehen, um zu warten, bis Ginny sich wieder entspannt hatte.
„Wenn du Abstand brauchst, warum tust du dann nicht mal etwas nur für dich, gönnst es dir mal, einen Tag nicht die Familienmutter zu sein?“
Ginny starrte sie an und die Spur eines Lächelns zeichnete sich auf ihrem Gesicht, ein irgendwie grimmig wirkendes Lächeln. „Das tue ich“, sagte sie ruhig. „Oh ja, das tue ich.“

Sie saßen eine Weile schweigend da. Hermine fühlte sich schläfrig, vermutlich vom warmen Tee, von dem anstrengenden Tag und ihr Blick blieb auf dem Kaminfeuer heften. Wie hypnotisiert betrachtete sie die Flammen, während sie immer mehr das Gefühl bekam, dass es ungalublich heiß in dieser verdammten, kleinen Hütte war. Ein wenig benommen streifte sie ihren warmen Wollpullover über den Kopf und warf ihn neben sich auf das Sofa. Vielleicht sollten sie das Feuer ausmachen, es wirkte so furchtbar hell in ihren Augen und trotzdem konnte Hermine den Blick einfach nicht davon abwenden.
Eine kühle Hand auf ihrer Schulter ließ sie zusammenzucken. Ohne dass sie es bemerkt hatte, hatte Ginny sich zu ihr gesetzt. Offenbar war auch ihr nicht weniger warm als Hermine, denn sie hatte sich schon der Hälfte ihrer Kleidungsstücke entledigt. Es kam Hermine auch nicht komisch vor, dass sie sich sanft an sie schmiegte und ihre kühle, sanfte Hand im Nacken fühlte sich sehr angenehm an. Ihr Atem war schwer, sie hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
„Hast du ’ne Sauna statt ’ner Hütte gemietet?“, murmelte sie.
„Wenn du es so ausdrücken willst“, erwiderte Ginny und lachte leise.
So hatte Hermine sich diesen Abend ja nun nicht vorgestellt, oder? Noch immer flackerte das Feuer so stark, zumindest kam es Hermine so vor. Es wurde von Ginnys rotem Haar reflektiert, ihr Kopf schien zu brennen und sie bemerkte es offenbar gar nicht. Stattdessen beugte Ginny sich vor und – küsste sie.

Es war ein langer Moment, ein Moment voller Spannung, ein Moment des Schwebens, ein scheinbar ewiger Moment, es war… schön. Hermine blinzelte und sah in Ginnys strahlende Augen. Ihre Stimme wollte ihr kaum gehorchen.
„Ist das wirklich gut? Warte… Vielleicht sollten wir…“ Ihre Zunge war so schwer, dass Hermine den Satz nicht zuende sprechen konnte.
„Warum?“ Ginny lächelte. „Weil nur gute Mädchen in den Himmel kommen?“
„Nein… oder… ich weiß nicht…“ Sie konnte kaum klar denken, so warm war es, so berauschend war das Gefühl des Moments. Ginny schmiegte sich nur näher an Hermine und ihre Lippen waren so nah an ihrem Ohr, dass sie den Lufthauch spüren konnte, als Ginny sprach.
„Dann muss der Himmel eben warten.“

Heaven can wait
And a band of angels wrapped up in my heart
Will take me through the lonely night
Through the cold of the day
And I know…

Dann berührten ihre Lippen wieder Hermines und die Zweifel verschwanden einfach. Ohne es zu registrieren, fand Hermine sich in einer engen Umarmung wieder und sie zog Ginny noch näher an sich. Sie konnte ihr nicht nah genug sein, sie wollte mehr. Sie wollte jeden Zentimeter von ihrem Körper berühren, weil alles so schön war. Ja, Ginny war unglaublich schön, befand Hermine im Licht des flackernden Feuers. Warum war ihr das bisher nicht so bewusst gewesen? Natürlich hatte sie es bemerkt, aber nie hatte sie Ginny so sehr bewundert, so sehr nach ihrer Nähe gegiert wie jetzt. Es war, als wäre sie innerhalb eines kurzen Moments ein neuer Mensch geworden.
Auch Ginny musste etwas Ähnliches für sie empfinden, sie sah es in ihren Augen. Es war, als würde sie einem nicht irdischen Wesen gegenüber stehen, es war gar nicht Ginny, wie Hermine sie kannte. Sie schwebte im reinen Glück. Es gab keine Zurückhaltung, keine Angst und keinen Ärger. Wenn das nicht der Himmel war, dann war es etwas, das weitaus besser war, dachte Hermine, als sie Ginny küsste.

I know
Heaven can wait
And all the gods come down here just to sing for me
And the melodies gonna make me fly
Without pain
Without fear

Ginny drückte Hermine sanft zurück, sodass sie auf dem Sofa lag. Sanft küsste sie ihren Bauch. Die Luft fühlte sich schwer an und jede Bewegung schien in Zeitlupe abzulaufen, jede Sekunde wurde gedehnt und… Hermine genoss sie.
Sie zog Ginny an sich, fast klammerte sie sich an sie und schmiegte ihr Gesicht an Ginnys Brust. Ihre Haut war weich und roch betörend. Sie kam sich plötzlich ziemlich minderwertig vor. Wie konnte Ginnys Körper so gut aussehen, nachdem sie doch auch schon Kinder bekommen hatte. Aber das hier war ihr Moment, Ginny war hier, direkt vor ihr, sie war hier, weil Hermine hier war, sie waren füreinander da.
„Der Himmel kann warten“, hatte Ginny gesagt. Doch Hermine war sich sicher: Dies hier war der Himmel, zumindest war es himmlisch. Sie waren sich so nah, wie keinem anderen Menschen je zuvor, sie waren eins, wie sie eng umschlungen dalagen und sie waren vollkommen in diesem Moment.
Hermine verlor jedes Empfinden für Zeit, der Moment war zu perfekt, um ihn überhaupt in Zeit messen zu können. Und nichts daran war falsch. Es war nicht geplant, aber irgendwie hatte es so sein sollen, genau hier und jetzt. Das Jetzt war ein langer Moment. Es war, als hätte jemand einen Zauber ausgelöst, als hätte jemand Hermines Gedanken gelesen, denn die Zeit blieb einfach stehen. Einen unglaublich langen Moment lang nahm Hermine die Szene, in der sie sich befand, wahr, fühlte jede Berührung, ihren Atem, sah Ginny, hörte das Herzschlagen von ihnen beiden in einem Ton. Dann war alles still, dunkel und leer.

Give me all of your dreams
And let me go along on your way
Give me all of your prayers to sing
And I'll turn the night into the skylight of day

Es war dunkel, als Hermine die Augen aufschlug. Das Feuer war heruntergebrannt und in der Hütte brannte kein Licht. Sie fror und das verwirrte sie, denn ihr Körper war schweißnass. Sie lag auf dem Sofa, in einer seltsamen, Umarmung mit Ginny, eng aneinander, Ginny hatte sie mit ihrem Bein umschlungen und hielt sie so an der Hüfte fest. Sie beide waren unbekleidet, kein Wunder also, dass Hermine so verdammt fror.
Es war unheimlich. Hermine wusste sehr genau, was passiert war, sie konnte sich an alles erinnern, sie konnte sich an die Gefühle erinnern und die Lust, die sie empfunden hatte, sie erinnerte sich an alles. Und trotzdem hatte sie keine Erklärung dafür. Sie war Hermine Granger, rationale Denkerin, aber das hier, das war alles andere als rational.

Langsam löste sie sich aus Ginnys Umarmung, konnte jedoch aufgrund der beengten Verhältnisse nicht vermeiden, dabei auf den Boden zu fallen. Der Klang ihres Aufpralls zeriss die Stille und Ginny blinzelte. Schnell sprang Hermine auf und schlüpfte in ihre Kleider oder zumindest in die, die sie finden konnte. Sie musste hier raus. Die Luft war stickig. Es war eng. Es war nicht richtig. Etwas hier war verdammt nochmal nicht richtig!
„Hermine!“ Ginny rief ihr nach, als Hermine die Tür aufriss und hinaus in den Schnee stolperte. Sie wollte apparieren, egal wohin. Doch ihr Zauberstab war nicht in dem Mantel. Fieberhaft tastete sie die Taschen ab, doch da war nichts. Vielleicht lag er in der Küche, vor dem Kamin oder war unter das Sofa gerollt, als... sie wollte nicht drüber nachdenken. Hilflos stand sie im Schnee, als die Tür der Hütte erneut aufgerissen wurde und Ginny ins Freie entließ. Sie war gerade mal in ihre Schuhe und den Mantel geschlüpft. Hermine starrte auf sie. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, sie konnte gar nicht anders und so hing ihr Blick gelähmt an der jüngeren Frau, der sie eben noch so nah gewesen war.
Hermines Beine zitterten und langsam sank sie in den Schnee. Ginny wagte sich vorsichtig näher und legte Hermine eine Hand auf die Schulter.

I got a taste of paradise
I'm never gonna let it slip away
I got a taste of paradise
It's all I really need to make me stay
Just like a child again


„Ich glaube, es wirkt nach“, flüsterte Hermine. „Was hast du mir gegeben?“
„Red keinen Unsinn, Hermine“, erwiderte Ginny ein wenig barsch. „Es hat keine Nach- oder Nebenwirkungen.“
Hermine drehte sich um und sah Ginny in die Augen, die sie so ruhig und gelassen ansahen. Wie konnte das möglich sein, nach allem, was passiert war. Und wie konnte sie glauben, was sie gerade hörte?
„Dann hast du mir tatsächlich irgendeine Droge verabreicht?“ Ihre Stimme klang schrill und hallte durch den düsteren Wald.
„Das ist nur der Schock, Hermine, du hast keine Nebenwir…“
„Du hast mir eine Droge gegeben!“, schrie sie und zitterte.
„Hermine, hör mir zu, das war nur…“
„Nur? Du ahst mich benommen gemacht und zu deinem Opfer gemacht!“
„Du spinnst doch! Übertreib n…“
„Hast du das so geplant?“ Hermine kam mühsam wieder auf die Füße und funkelte Ginny an. „Von wegen Weihnachtsfeier, zu der zufällig keiner kommt? Fühlst du dich jetzt gut dabei?“
„Was jetzt? Bist du schockiert, dass du bi bist? Sei doch froh, dass du nicht mehr so verklemmt bist!“
„Froh, dass du mich so benutzt hast? Verdammt, Ginny, was geht da vor in dir?! Meinst du, du kannst auf die Weise dein Ego bestärken?“
„Nein, versteh doch, ich…“
„Ja, was ist mit dir? Schön, dass du dir sowas Tolles planen kannst. Hast du mal an mich gedacht? Hast du denn an mich gedacht?“
„Natürlich“, versuchte Ginny die aufgebrachte Hermine zu besänftigen. „Ich hab gedacht…“
„Was hast du gedacht? Hast du gedacht, dass ich das hier bräuchte? Hast du gedacht, dass Ron und ich nicht wunschlos glücklich wären und ich stattdessen ne Nacht mit dir brauchen könnte?“
„JA!“ Ginny schrie so laut, dass ihr Ruf im Wald widerhallte und etwas raschelte zwischen den Bäumen, offenbar hatte sie ein paar Tiere aufgescheucht.

Heaven can wait
And all I got is time until the end of time
I won't look back
I won't look back
Let the altars shine


Eisiges Schweigen hing in der Luft und die beiden jungen Frauen sahen sich nur starr an. Hermines Atem ging schnell, sie war verwirrt, diese Reaktion hatte sie aus dem Konzept gebracht und langsam wurde ihr bewusst, dass sie Ginny nicht einmal hatte ausreden lassen.
„Ja, das dachte ich“, wiederholte Ginny mit erstickter Stimme und sie wirkte ehrlich betroffen. Hermine wusste, dass sie Ginny sehr aus der Fassung gebracht hatte. „Ich hab doch gemerkt, was manchmal bei euch los ist! So ein Stress wie schon gestern Abend. Ich kenn doch meinen Bruder, oder glaubst du, ich weiß nicht, wie selbstfixiert und dämlich der auch sein kann?“
Diese Anschuldigung musste Hermine erst einmal sacken lassen. Hatte Ginny recht?
Ja verdammt, sie war gestern wirklich sauer gewesen – und das sicher nicht zum ersten Mal. Da hatte sie ein einziges Mal in der verdammten Vorweihnachtszeit was unternehmen wollen und dann ließ Ron sie wegen seinem dämlichen Quidditch mit Harry im Stich und vermutlich war es Ginny ganz genauso ergangen. Ginny beobachtete Hermines Gesichtszüge und ihr schien dabei auch nichts zu entgehen.
„Siehst du?“, sagte sie. „Du weißt genau, was ich meine. Es ist doch gar nicht lange her, als wir alle gemeinsam was unternommen haben, als wir uns alle noch völlig ungebunden vorkamen und kaum steckt man in ner Ehe mit Kleinkindern, ist man in etwas gebunden. Aber wir müssen da auch mal raus!“
„Aber Ginny, das ist keine Lösung!“

„Und was ist die Lösung, kannst du mir das vielleicht sagen?“ Es klang anklagend und Hermine wusste nicht genau, was sie darauf antworten sollte.
„Warum redest du nicht mit Harry, erklärst, was dich stört, änderst was an deinem Alltag“, versuchte sie es zaghaft, doch Ginny schnaubte nur abfällig.
„Redest du mit Ron? Das klingt so leicht. Ich weiß, dass ihr gut streiten könnt.“ Sie lächelte ein wenig. „Aber beredet ihr wirklich alles?“
Hermine wusste nichts zu erwidern, sondern zuckte nur hilflos mit den Schultern. Sie und Ron debattierten viel, aber oft ohne Ergebnis und wegen der Kinder nahm sie sich oft zurück – im Gegensatz zu Ron, der nie in einer Diskussion aufgeben würde.
„Wie sollte ich Harry das alles erklären, ohne ihn zu verletzen? Er hat so unglaublich viel durchgemacht. Ich liebe ihn, ich will für ihn da sein, aber ich will auch nicht immer diejenige sein, die alles mitmacht. Die Sache ist nur, ich kann nicht gleichzeitig Rücksicht auf ihn und auf mich selbst nehmen. Ich kanns ihm nicht erklären. Ich kanns nicht…“
„Warum hast dus mir so nicht gesagt? Wir sind doch Freunde?“ Hermine fühlte sich fast ein wenig verletzt.
„Pah! Du bist doch Familienversteher Nummer Eins“, erwiderte Ginny ein wenig schnippisch. „Du willst die perfekte Familie, Hermine, aber die gibt es nicht! Ich wollte dich nicht auf miese Weise verführen. Ich wollte, dass du siehst, dass nicht alles heil ist, ich wollte, dass du dich und mich in einem anderen Licht siehst. Wir kennen uns so lange und trotzdem, glaube ich, haben wir uns nie richtig angesehen. Das ist was zwischen uns, aber dein alberner Perfektionismus wollte das nicht begreifen.“

Hermine wollte vehement widersprechen, doch sie sah, dass Ginnys Augen glänzten. Sie blinzelte heftig, vermutlich um Tränen zurückzuhalten. Auch wenn Hermine in diesem Moment nicht alles glauben und akzeptieren wollte, was Ginny sagte, wusste sie, dass eine Menge Wahres daran war. Es konnte alles andere als einfach sein, mit einem Menschen wie Harry zusammenzuleben, erst recht für einen so lebendigen und mitunter trotzigen Menschen wie Ginny, ihre Bedürfnisse und zugleich Nachsicht zu vereinen.
Langsam ging Hermine auf Ginny zu und nahm sie in den Arm. Die kleinere Frau lehnte den Kopf an ihre Schulter und Hermine konnte fühlen, wie ihr Körper sich entspannte. Sie waren sich wieder so nah, teilten so viel und sie wollten einander nicht loslassen. ‚Aus Freundschaft, aus Verständnis, aus Mitleid…’, redete Hermine in Gedanken auf sich selbst ein. Doch da war mehr, als sie ihre Nase in Ginnys Haare grub und ihren Duft roch.

And I know that I've been released
But I don't know to where
And nobody's gonna tell me now
And I don't really care
No, no, no

„Ich hab dich nicht verhext, Hermine“, erklärte Ginny. „Es war nichts Schlimmes, kein Aphrodisiacum und auch keine gefährliche Droge. Alles, was es macht, ist, die Wahrnehmung zu sensibilisieren und das kontrollierende Bewusstsein zu entlasten. Ich schwöre dir, ich hab dich nicht verhext, das hätte ich niemals getan. Ich habe nur deine Hemmschwelle runtergesetzt.“
Es war, als hätte jemand Hermine einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen. Sie fühlte sich schuldig auf mehrere Weisen. Sie hatte Ginny misstraut und sie beschuldigt, sie mithilfe von Drogen beeinflusst zu haben, ohne nachzudenken, was das bedeutete. Sie kannten sich nun so lange, sie wusste genau, wer Ginny war und es hätte ihr klar sein müssen, dass Ginny es niemals wagen würde, einem anderen auf so hinterhältige Weise ihren Willen aufzuzwingen. Zu glauben, dass sie, eine Freundin, so etwas getan hätte, setzte sie auf eine Stufe mit Leuten, die den „Imperius“ anwandten, um ihre Interessen durchzusetzen.
Und zum anderen fühlte sie sich schuldig, weil sie sich gegen vieles, was Ginny gesagt hatte, wehren wollte, weil sie zurückzuweisen versuchte, was nicht in ihre Welt passte. Mit einem Mal fühlte Hermine sich verklemmt und oberflächlich, so hätte sie doch früher nicht reagiert, oder doch? War ihr Streben nach Perfektionismus so schrecklich geworden, dass sie alle ihre inneren Wirren aus ihrem Bewusstsein verbannt hatte?
Sie hatte plötzlich das mulmige Gefühl, dass sie Ginny, statt sie zu beschuldigen, danken sollte, für ihren Versuch, ihr vor Augen zu führen, was sie nicht wahrhaben wollte.
„Es tut mir sehr leid“, flüsterte sie und schmiegte sich an ihre Freundin. Freunde… das war es noch, was sie waren, oder nicht?

Ginny hob den Kopf. Ihre roten Haare waren zerstrubbelt, ihren Augen waren gerötet. Hermine hatte sie noch nie so gesehen. Sie wirkte verletzlich, ein ungewöhnlicher Anblick. Hinter Hermines Rücken begann der Horizont zu glänzen und der erste Lichtschein des Morgens streifte Ginnys Gesicht und ließ ihre Augen glänzen.
„Das tut’s mir auch.“ Sie blinzeltete gegen das Licht an, das ihr ins Gesicht schien. „Bitte lass mich jetzt hier nicht allein“, flüsterte sie leise.

I got a taste of paradise
That's all I really need to make me stay
I got a taste of paradise
If I had it any sooner you know
You know I never would have run away
From my home

Es war eine so innige Bitte, Hermine wusste, dass sie nun nicht einfach gehen konnte. Stattdessen näherte sich ihr Gesicht Ginnys und ihren Lippen berührten einander, verschmolzen einfach zu einem Mund. War das hier wahr? Wirkte der Hemmungslöser noch? Hermine blieb keine Zeit darüber nachzudenken, was sie hier gerade tat, denn Ginny schob sie vorsichtig von sich.
„Wir sollten das nicht weitermachen. Was hab ich nur angefangen…“
„Oh nein, wein nicht wieder…“ Hermine kam sich beinah ein wenig verzweifelt vor.
„Aber es ist falsch“, jammerte Ginny. „Ich hab das alles angefangen, weil ich so egoistisch bin. Aber wenn wir hier und jetzt weitermachen, gehen wir irgendwann an dem Druck kaputt. Das hier ist gar nicht wirklich unser Leben. Es ist nicht… real.“
Sie beide wussten sehr gut, wie real die letzte Nacht gewesen war. Im Rückblick kam sie Hermine realer vor als alles andere, was sie je getan hatte – vielleicht lag es auch an dem Zeug, das Ginny ihr gegeben hatte. Aber im Grunde war es egal, ob sie beide wirklich etwas füreinander empfanden, egal ob Liebe oder nur Verlangen, es war egal, aber wenn sie sich jetzt noch einmal einander hingaben, dann würde es anders sein als die letzte Nacht. Es würde nie wieder etwas so besonderes sein, es würde nicht einfach aufhören und es würde ihnen das Leben schwer machen. Spätestens dann, wenn es sie bis in das Leben verfolgte, was „real“ war, das Leben außerhalb dieses Waldes und weit weg von dieser Hütte.
Sie konnten gehen und so tun, als wäre die Nacht kein Teil der Wirklichkeit gewesen, und dieses Erlebnis und das, was sie dadurch über sich erfahren hatten, als Erinnerung mitnehmen. Oder sie konnten es jetzt bei Tageslicht zu einer realen Erfahrung und zu einem realen Problem machen.

„Das hier ist nicht mein Leben und auch nicht deins“, sagte Ginny leise. „Wir würden doch beide mehr verlieren, als wir gewinnen könnten. Wir gehören hier beide nicht hin.“
„Ach, und wofür dann das alles hier?“ Hermine zog die Augenbrauen zusammen und starrte Ginny eindringlich an, als könne sie das alles nicht verstehen. Die Vernunft sagte ihr das gleiche wie Ginny und trotzdem war es alles schwierig.
„Es ist doch gut zu wissen, dass es neben unserem realen Leben noch ein anderes gibt, oder?“
Hermine nickte. Sie wollte nicht mehr weglaufen, sondern hier bleiben und alles nachholen, was sie durch ihre Kurzsichtigkeit versäumt hatte. Und dennoch, der geheime Himmel, den sie gerade entdeckt hatte, würde auf sie warten müssen.

Heaven can wait
And all I got is time until the end of time
I won't look back
I won't look back
Let the altars shine





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